Ärger auf der Alm
Zweitligist Arminia Bielefeld will die Gehälter kürzen
Die Crux ist, dass so ein Fußballspiel immer eine Moral haben muss, dass es einen Fingerzeig liefern soll für Entwicklungen, die über den Tag hinaus weisen. Die Beteiligten wollen das, weil ein Spiel nicht nur ein Spiel ist, sondern immer auch eine Etappe auf dem Weg zu einem gesteckten Ziel. Wenn nun in der Zweiten Liga zwei Bundesliga-Absteiger aufeinander treffen, die noch dazu aktuell an der Tabellenspitze zu finden sind, ist klar, welche Richtung die Diskussion nehmen wird. Die Frage nach dem Aufstieg stellte sich zwangsläufig, doch den Protagonisten schien sie nach dem 1:3 zwischen Bielefeld und Cottbus nicht recht zu sein. Eduard Geyer, der Trainer der Sieger, sächselte etwas von „bin skeptisch“ und „müssen uns erst noch finden“. Sein Bielefelder Kontrahent Benno Möhlmann schüttelte den Kopf und sagte: „Jetzt an den 34. Spieltag zu denken, bringt uns nicht weiter.“
Seltsam unübersichtliche Liga
Man muss die Herren verstehen. Präsentiert sich die Zweite Liga in der Saison 2003/04 doch bislang als eine seltsam unübersichtliche Veranstaltung, die dazu angetan ist, jeden Wetter in die Verzweiflung zu treiben. Da gibt es eine Mannschaft (Aachen), die ein Spiel 1:7 verliert, anschließende fünf hintereinander gewinnt und die Tabellenführung übernimmt. Eine andere (Nürnberg) startet souverän, wird anschließend jedoch bis auf einen Abstiegsplatz durchgereicht. Niemand aber repräsentiert die Konfusion besser als Arminia Bielefeld.
Am ersten Spieltag auf Platz 18, am neunten auf Position eins, doch nach zuletzt zwei Niederlagen weist die Tendenz offenbar wieder nach unten. „Die Spieler müssen sich allmählich entscheiden, wohin sie wollen“, fordert Coach Möhlmann. Es klingt beinahe flehentlich. Gegen Cottbus gelang es seiner Elf, das bisherige Auf und Ab in einer einzigen Partie unterzubringen. Nach überlegen geführter erster Halbzeit ging sie mit einer 1:0-Führung (Porcello, 24.) in die Pause, doch spätestens nach dem Ausgleich durch da Silva (50.) fiel ihr Spiel in sich zusammen; ein Eigentor von Benschneider (63.) und ein Treffer von Tanque Silva (69.) waren die logische Folgen.
„Wir sind noch nicht gefestigt genug, um in solchen Drucksituationen den Überblick zu behalten“, analysierte Möhlmann, während Abwehrchef Roland Benschneider um einen konstruktiven Blick nach vorne bemüht war: „Das Schöne an unserem Job ist, dass wir es in ein paar Tagen schon wieder besser machen können.“ Da gastieren die Bielefelder bei Spitzenreiter Aachen, aber was heißt das ist dieser Zweiten Liga schon.
DFL soll Finanzgebaren prüfen
Zumindest besteht die Hoffnung, dass die Arminia bis dahin eine andere Baustelle geschlossen hat. Die Forderung des Geschäftsführers Roland Kentsch nach einem Lohnverzicht von 20 Prozent hat nicht nur die Kicker verärgert, sondern auch die Konkurrenz auf den Plan gebracht, die es stört, dass sich die klammen Ostwestfalen vor Transferschluss noch einmal verstärkt haben, um kurz darauf den Spielern die Bezüge zusammenzustreichen. Der im Poker um den ghanaischen Angreifer Isaac Boakye unterlegene Mainzer Manager Christian Heidel forderte die DFL auf, „das Bielefelder Geschäftsgebaren zu überprüfen“.
Fakt ist: Ohne Zustimmung der Mannschaft kann Kentsch sein Vorhaben nicht durchsetzen. Die Verhandlungen mit der mit dem Mandat beauftragten Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) laufen und selbst für Kapitän Mathias Hain, einem der schärfsten Kritiker der Kürzung, steht fest: „Es wird eine Einigung geben.“ Das glauben wohl auch die Cottbusser, die sich mit Äußerungen zu der Angelegenheit vornehm zurückhielten. Sie waren einfach bloß glücklich, ein Spiel gewonnen zu haben, das unter schwierigen Vorzeichen stand. „Ich war mir angesichts der Ausfälle nicht sicher, wie das Ding ausgeht“, gestand Geyer, der nicht nur die verletzten Löw und Ogungbure ersetzen musste, sondern auch die gesperrten Latoundji und Beeck. „Da kann man mal sehen“, schmunzelte Mittelfeldspieler Marco Gebhardt , „was mit elf Mann alles möglich ist.“ Wenigstens eine Moral – immerhin.
Jens Kirschneck
Süddeutsche Zeitung