Schalker Disharmonien / Pfiffe statt positiver Schlagzeilen nach dem 1:1 gegen Bielefeld
Von Wolfgang Bergs
Gelsenkirchen (9. März 2003) - „Auf Schalke“ rumort es weiter. Statt der erhofften positiven Schlagzeilen gab es Pfiffe gegen die Mannschaft und „Neubarth raus“-Rufe gegen den Trainer. Disharmonien auf verschiedenen Ebenen.
Sven Vermant rettete den Königsblauen mit seinem Treffer zwei Minuten vor dem Abpfiff beim 1:1 (0:0) gegen Arminia Bielefeld einen überaus glücklichen Punktgewinn, über den sich am Ende aber keiner recht freuen wollte.
Während die Schalker von ihren enttäuschten Fans mit gellenden Pfiffen verabschiedet wurden, bemängelte Bielefelds Trainer Benno Möhlmann zu Recht, dass man eigentlich zwei Punkte verloren habe.
Auf der Suche nach dem Schuldigen für die wieder einmal enttäuschende Vorstellung fand man auf Schalker Seite gleich mehrere Verdächtige. Torschütze Sven Vermant kritisierte die Medien, die im Vorfeld für viel Unruhe gesorgt hätten. Kapitän Tomasz Waldoch und Manager Rudi Assauer sahen den Sündenbock in Schiedsrichter Jörg Keßler (Wogau), der aus ihrer Sicht vor der Bielefelder Führung (57.) einen unberechtigten Freistoß gegen sie und anschließend ein Foul von Arminia-Kapitän Bastian Reinhardt an Waldoch nicht gepfiffen habe, so dass der Pole den Ball ins eigene Tor lenkte. Und die Schalker Fans ließen ihrem Unmut über Trainer Frank Neubarth freien Lauf und feierten stattdessen seinen Vorgänger Huub Stevens.
Tatsächlich gab die Vorstellung der Neubarth-Schützlinge äußerst wenig Anlass zur Freude. Es war kein durchdachter Spielaufbau zu erkenn, über die Flügel sorgte lediglich Jörg Böhme vor der Pause für Gefahr.
Im Abwehrbereich gab es Unsicherheiten, an denen vor dem Wechsel auch Tomasz Waldoch beteiligt war, stand Nils Oude Kamphuis fast immer verkehrt zu Gegner und Ball. Im Spiel nach vorne leistete sich Schalke viele, leichtfertige Ballverluste, so dass der Aufsteiger in der Abwehr viel zu selten in Gefahr geriet. „Ihre Qualität in der Offensive ist schwer gleichwertig zu ersetzen“, beklagte Frank Neubarth die Ausfälle von Emile Mpenza, Victor Agali und Andreas Möller, zumal Ebbe Sand von der Form früherer Tage weit entfernt ist.
Auf der anderen Seite waren die Ostwestfalen bei ihren Kontern brandgefährlich und hätten, wenn sie dabei konzentrierter zu Werke gegangen wären, den Sack schon frühzeitig zu machen können, ja müssen. „Wenn man vier, fünf Großchancen nicht nutzt, tut es weh, wenn man den Sieg dann noch aus den Händen geben muss“, ärgerte sich Benno Möhlmann, der zunächst auf Ansgar Brinkmann verzichtet hatte.
Das „enfant terrible“ im Bielefelder Team hätte nach seiner Einwechslung in der 77. Minute Sekunden vor dem Ausgleich ebenfalls alles klar machen können. Doch statt von der Mittellinie auf das von Frank Rost verlassenene Schalker Tor zu schießen, passte er quer auf den im Abseit stehenden Bogdanovic. Den anschließenden Gegenzug nutzten die Gastgeber zum nicht mehr erwarteten Ausgleich.
-----------------------------------------------
Dicke Luft und kleine Mücke / Viele Fans bekamen Sehnsucht nach Stevens
Von Norbert Neubaum
Gelsenkirchen (9. März 2003) - Benno Möhlmann wollte offenbar niemandem zu nahe treten. Höflich verneigte er sich vor dem Gegner, bei dem seine Mannschaft soeben 1:1 gespielt hatte.
„Da sitzt man in der Kabine, hat einen Punkt bei einem grundsätzlich stärkeren Gegner geholt, und kann sich trotzdem nicht richtig freuen.“ Die Betonung des Bielefelder Trainers lag auf „grundsätzlich stärker“ – aber eben nur grundsätzlich.
Denn auf dem Platz waren die Schalker Fußballer so ratlos hin- und hergestolpert, dass den Fans in der Arena schnell die Lust verging. Nach einer Stunde (die Arminia war gerade durch ein Eigentor von Waldoch in Führung gegangen) gab es laute „Neubarth-raus“-Rufe, und parallel zum auf dem Videowürfel in der Arena angezeigten Berliner Schützenfest gegen 1860 München steigerten sie sich in eine Sehnsucht hinein, die spätestens ab der 80. Minute (im Olympiastadion war das 6:0 gefallen) in laute „Huub-Stevens“-Sprechchöre gipfelte. Dessen Nachfolger Neubarth hatte zu dieser gespenstischen Atmosphäre noch beigetragen, als er Stürmer Hanke aus- und Defensivmann van Hoogdalem einwechselte.
Dicke Luft unter dem Arena-Dach, daran änderte weder der späte Ausgleich durch Vermant (89.) nach vielen vergebenen Bielefelder Konterchancen noch der verteidigte vierte Tabellenplatz nichts. Von den letzten acht Heimspielen hat Schalke lediglich eines gewonnen, nur durch die von den Spielern produzierten Schlagzeilen ähneln die „Königsblauen“ ein wenig dem „FC Hollywood“ – was im Vergleich zum damit gemeinten FC Bayern fehlt, ist der spielerische Glanz. „Du liest das und du spürst das“, will Tomasz Waldoch nicht leugnen, dass die allgemeine Verunsicherung sich auch auf dem Platz bemerkbar macht.
Rückendeckung für Frank Neubarth
Der Kapitän war dafür ein Paradebeispiel: Waldoch stolperte von einer Verlegenheit in die andere, hatte sich aber trotzdem noch eine bessere Note verdient als beipielsweise sein Mannschaftskollege Dario Rodriguez: Den hatte Neubarth nach 16 Minuten für den verletzten Nico van Kerckhoven gebracht, holte ihn aber 51 Minuten später wieder vom Platz. Dazwischen lag eine indiskutable Vorstellung des Uruguayers, die ihren Höhepunkt in einem Einwurf hatte, den Rodriguez direkt ins Seitenaus schleuderte – ein Kunstwurf.
Vierter Tabellenplatz, dennoch eine explosive Stimmung „auf Schalke“ – Rudi Assauer versucht dabei sein Möglichstes, um die Mannschaft aus der Schusslinie zu nehmen. Zwar erkannte Schalkes Manager an, „dass einige Spieler neben der Kappe standen“, aber auch der Schiedsrichter bekam wieder sein Fett weg. Weil Jörg Keßler vor dem Bielefelder 1:0 einen unberechtigten Freistoß gegen Schalke gepfiffen und danach ein Foul von Reinhardt an Waldoch nicht geahndet habe, sprach Assauer erneut von „Beschiss“.
Dem Trainer stärkte Assauer den Rücken: „Es ist unfair gegenüber Frank Neubarth, nach Stevens zu rufen. Der ist hier zum Helden geworden, weil er zufällig mal den UEFA-Cup gewonnen hat.“
Neubarth selbst nahm die Pfiffe tapfer zur Kenntnis: „Das ist nicht schön, aber es gehört halt dazu.“ Einige Spieler scheinen mit dem in der Bundesliga debütierenden Trainer fast schon Mitleid zu haben: „Da muss er sich jetzt durchbeißen“, sagt Marco van Hoogdalem. Dabei hätte er allen Grund, sauer auf Neubarth zu sein. Seit Waldochs Rückkehr gehörte Schalkes bester Spieler der Hinrunde nicht mehr zur Anfangsformation. Aber van Hoogdalem hält den Ball flach: „Im Vergleich zu dem, was hier sonst noch so passiert, bin ich doch nur eine kleine Mücke.“
----------------------------------------------------------
Optik und Akustik nervt Assauer / Schelte für Schiedsrichter und Fans
Von Wolfgang Bergs
Gelsenkirchen (9. März 2003) - Rudi Assauer zog an seiner Zigarre und ließ dann mächtig Dampf ab. Zunächst einmal wurde Schiedsrichter Jörg Keßler verbal abgewatscht, dann waren die eigenen Fans an der Reihe.
„Was haben wir verbrochen, dass wir nun schon im dritten Heimspiel nacheinander benachteiligt werden?“, fragte Schalkes Manager in die Runde und sprach offen von „Beschiss.“
Die Szene, die ihn so erregte, war der Bielefelder Führung vorausgegangen. Entgegen seinem Linienrichter hatte Schiedsrichter Keßler bei Hajtos Attacke gegen Varta auf Foulspiel entschieden und im Anschluss Reinhardts Einsatz gegen Waldoch als korrekt erachtet. „Das war kein Freistoß , aber ein Foul“ giftete Assauer, der im „SchalkerKreisel“ vor diesem Spiel noch geschrieben hatte: „Die Schiedsrichter sollen das pfeifen, was sie sehen.“
Glücklicherweise für die Gastgeber sah der Unparteiische aber weder das brutale Foul von Sven Vermant an Diabang (5.) noch Marco van Hoogdalem, bei dessen Foul an Bogdanovic (88.) als letzten Mann, so dass er es in beiden Fällen bei der gelben Karte beließ. Auch, dass Tomasz Hajto Brinkmann im Strafraum zu Fall brachte, sah Keßler nicht.
Neben der Optik des Unaparteiischen nervten den Manager vor allem die akustischen Missfallenskundgebungen aus der eigenen Fans.
„Ich finde so etwas einem jungen Trainer wie Frank Neubarth gegenüber unfair“, ärgerte er sich über die „Neubarth raus“- und „Huub Stevens“-Rufe aus der eigenen Kurve und verteidigte auch Neubarts Auswechselung von Mike Hanke in der 79. Minute.
„Die haben alle keine Ahnung vom Fußball“, attestierte er ihnen. „Wir treffen die Entscheidungen, da können die Zuschauer pfeifen, wie sie wollen.“ Wenn ich mich nach denen richtete, würden wir jetzt in der zweiten Liga spielen. „Die haben auch geschrien, als ich Jörg Berger entlassen habe. Zwei Jahre später haben sie Huub Stevens als Held gefeiert“, war der Manager kaum zu bremsen.
Er konnte sich diese Schelte leisten, denn er weiß, dass auch beim nächsten Heimspiel wieder alle da sein werden. Und wenn Schalke dann gewinnt, sind es sowieso wieder die „besten Fans der Welt.“
http://www.buersche-zeitung.de/fussball/schalke/index.php