„Wir sind ja nicht das FBI“
Besitzt Hannovers Fredi Bobic Aktien von Borussia Dortmund? Wie die Deutsche Fußball-Liga ihre Regeln herunterspielen muss
München – Der 31. Oktober 2000 war ein besonderes Datum im deutschen Fußball. An jenem Dienstag startete Borussia Dortmund an der Frankfurter Börse die erste Fußball-Aktie in der Geschichte der Bundesliga. Präsident Gerd Niebaum war nach Mainhattan gereist, Manager Michael Meier ebenfalls, und zwei Spieler verteilten bestens gelaunt schwarz-gelbe Trikots an die Börsenhändler auf dem Parkett: Stefan Reuter – und Fredi Bobic. Der Angreifer machte wie viele seiner Kollegen nicht nur Werbung für den Börsengang seines Arbeitgebers Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, sondern witterte auch ein Geschäft. „Ich habe mich mit einem guten Paket eingedeckt und sehe das als langfristige Anlage“, zitierte das Handelsblatt Bobic damals. Wie langfristig Bobic seine BVB-Scheine im Portfolio hielt oder hält, ist jetzt Thema bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Sollte der inzwischen 30-Jährige noch immer BVB-Aktien besitzen, hätte er gegen die Lizenzspielerordnung der DFL verstoßen. Bobic wechselte vor acht Wochen von Dortmund nach Hannover, die Liga-Regeln untersagen den Spielern aber, Aktien von anderen Vereinen als dem eigenen zu erwerben. Eine Erklärung, ob er noch BVB-Aktien besitzt, verweigert Bobic seit zwei Wochen.
Alle Punkte weg?
Laut Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der DFL, kam der Stein durch eine Frage des Handelsblatts ins Rollen. Die hätten sich vor vierzehn Tagen erkundigt, ob Bobic seine Anteile an der Borussia verkauft habe: „Ich habe Bobic daraufhin angeschrieben, die Antwort steht noch aus.“ Inzwischen hat auch der kicker Wind von der Sache bekommen und über das Strafmaß spekuliert. Sollte Bobic gegen die Lizenzspielerordnung (LSO) verstoßen haben, wäre ihm zu Unrecht die Spielerlaubnis für Hannover 96 erteilt worden. Im schlimmsten Fall könnten dem Klub, der Bobic unrechtmäßig eingesetzt hätte, all jene Punkte, die er mit Bobic gewonnen hat, abgezogen werden. Hannover holte alle acht Punkte erst nach Bobics Ankunft.
Ist der Heilsbringer ein Unglücksvogel? Bobic ließ am Donnerstag ausrichten, seine Vermögensverhältnisse seien Privatsache. Den kicker fragte er: „Sollte ich damals Aktien erworben haben, trägt dann die DFL die Verluste bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes?“ Das schwarz-gelbe Papier sank vom Ausgabepreis elf Euro auf 3,74 Euro.
Bruchhagen findet die Äußerungen Bobics, weil sie auf Besitz von BVB- Aktien schließen lassen, „uncharmant“, er hält die Spekulation über die Dimension des Regelverstoßes jedoch für übertrieben. Noch bevor ein Kontrollgremium sich mit dem Fall befasst hat, fällte er schon mal ein mildes Urteil: „Angenommen, Bobic hat Aktien, dann hat er persönlich gegen einen Punkt der Lizenzspielerordnung verstoßen. Also würde das nur persönliche Sanktionen nach sich ziehen.“ Bruchhagen hat inzwischen immerhin Hannover 96 zu einer kurzfristigen Stellungnahme aufgefordert.
Dynamik könnte die Sache bekommen, wenn die durch Bobic-Tore unterlegenen Gegner Protest gegen die Spielwertung einlegen. Bei Bayer Leverkusen etwa, das 1:3 gegen 96 verlor, ist das noch nicht abschließend besprochen worden, allerdings sieht Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wenig Aussichten auf Erfolg. „Selbst wenn die Spielerlaubnis zu Unrecht erteilt worden wäre“, erläutert der ehemalige DFB-Funktionär die Welt der DFL- Paragrafen, „so wäre sie doch erteilt worden. Dann könnte man nur nach dem Verursacher-Prinzip vorgehen, also Bobic oder Hannover 96 bestrafen.“ Brisanter ist die Lage für den SV Werder Bremen, gegen den Bobic zuletzt beim 4:4 zwei Mal traf. Die Bremer sind Konkurrent des BVB an der Tabellenspitze – und gegen den hat Bobic, angeblich wegen eines Muskelfaserrisses, pausiert. Hannover verlor 0:3. „Das hat ein G’schmäckle“, sagt Holzhäuser vorsichtig, „zumal der Muskelfaserriss nach drei Tagen ausgeheilt war.“ Allerdings hält Holzhäuser auch eine Vereinbarung zwischen 96 und Dortmund für möglich, Bobic gegen seinen Ex-Klub nicht einzusetzen. Ein solcher Deal wurde aber nicht publik. Dennoch verzichtet Werder auf einen Protest. Präsidiumsmitglied Klaus- Dieter Fischer sagt: „Wir denken sportlich. Wir hätten das Spiel auf dem Rasen gewinnen können.“
Hannover 96 hat die Sache dem Anwalt Christoph Schickhardt übergeben. 96-Präsident Martin Kind glaubt, nicht der Verein direkt sei betroffen, schließlich habe die DFL Bobic die Spielerlaubnis erteilt: „Wir kannten den Tatbestand nicht.“ Außerdem könne er sich nicht erinnern, dass der Vertrag einen entsprechenden Passus enthalten habe.
Da immerhin widerspricht Heribert Bruchhagen. „Jeder Spieler unterwirft sich durch die Unterschrift unter den Lizenzspielervertrag automatisch der Lizenzspielerordnung“, sagt er. Und in der heißt es im Paragrafen 13, Absatz 2g u.a.: „Dem Antrag (auf Spielerlaubnis, d. Red.) ist (. ..) stattzugeben, wenn der Spieler versichert, dass er, weder direkt noch indirekt, über Anteile (...) an lizenzierten Kapitalgesellschaften der deutschen Lizenzligen verfügt und solche Anteile (...) während der Dauer des Vertrags auch nicht erwerben wird.“ Anteile am eigenen Arbeitgeber sind erlaubt.
Hunderttausend Aktien
Dumm ist nur, dass die DFL keine Handhabe hat, die Einhaltung ihrer Spielordnung in diesem Punkt zu überprüfen – Bankgeheimnis. „Wir sind ja nicht das FBI“, sagt Heribert Bruchhagen. Der DFL-Funktionär möchte Bobic auch keine Spielmanipulation unterstellen: „Das ist ja der schlimmste Vorwurf, den man machen kann.“ Eher glaubt er, der Spieler habe seine Aktien „fahrlässig“ zu lange im Depot gehalten. Ohnehin sei der Aktien-Paragraf allein „aus sporthygienischen Gründen“ aufgenommen worden, also eine moralische Größe.
Nun wird Bobic hoffen, dass diesmal wenigstens das Bankgeheimnis hält und sein Depot tabu bleibt. Seine Bankauszüge zu BVB-Zeiten blieben es nicht. Durch eine Indiskretion geriet sein Gehalt in die Öffentlichkeit: 325575, 45 Mark – im Monat. Davon könnte man heute fast hunderttausend BVB-Aktien kaufen.
Ralf Wiegand/Jörg Marwedel
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Aktien als Totoscheine
Von Ralf Wiegand
Die Börse, glaubte der Fußball einst, als die Börse noch ein Ort der wundersamen Geldvermehrung war, die Börse also wird unser großes Glück sein. Als erstes wagte sich Borussia Dortmund aufs Finanzparkett und rutschte aus: Kurs um mehr als 70 Prozent eingebrochen, falsche Werbung eingestanden. Die Anleger hätten das Papier eher als Totoschein denn als Finanztitel eingeschätzt, grummelte Manager Michael Meier kürzlich. Keiner der Konkurrenten folgte bisher den schwarz-gelben Pionieren.
Dass an der Börse nicht nur Geld verbrannt wird, sondern bisweilen auch die Ehrlichkeit, ist nicht neu. Genügend Fälle von unstatthaftem Insiderhandel flogen auf, betroffen waren nicht nur Manager, sondern zum Beispiel auch Wirtschaftsjournalisten. Es ergibt also durchaus Sinn, dass sich die Deutsche Fußball-Liga vorbeugend Paragrafen in die Regeln schrieb, nach denen sich ein Verein nicht beim anderen einkaufen darf und auch die Spieler nicht Aktien ihrer Gegner halten sollen. Damit das Wertpapier nicht wirklich zum Totoschein verkommt.
Die Sache mit Fredi Bobic, ob er nun Aktien hält oder nicht, wirft aber ein schlechtes Licht auf die gute Absicht: Schon beim kleinsten, beim allerersten Anlass, über Sinn und Unsinn der Aktien-Regel zu diskutieren, stolpert die DFL. Spielmanipulation? Iwo! Aufklärung des Falles? Uiuiui, gaaanz schwierig. Konsequenzen? Na, mal sehen.
Dabei ist die Lage pikant, sehr pikant sogar. Bobic schoss gegen Werder Bremen zwei Tore, zuvor gegen Dortmund spielte er nicht, wegen einer anschließend rasend schnell verheilten Verletzung. Am Ende fehlen Bremen vielleicht diese zwei Punkte, um Dortmund aus dem internationalen Wettbewerb zu drängen. Bobic, falls BVB-Aktienbesitzer, hätte alles richtig gemacht.
Das ist natürlich eine wilder Ritt ins Land der Phantasie, aber gerade im Sport gibt es kein Tabu, das nicht gebrochen wird. Bobic muss die Sache aufklären, am besten schnell.