"Ich sage nichts. Das wirst du sehen."
"Komm mir jetzt bloß nicht wieder damit!"
"Ist schon gut. Vergiß es einfach. Ich fahre mit dir, und die Sache ist erledigt."
Schon seit Stunden waren Susanne und Thomas auf der Autobahn unterwegs. Es war ein heißer Sommertag. Die Sonne prallte von einem kornblumenblauen Himmel. Sie hatten Frankfurt gerade hinter sich gelassen, als Thomas ein hellblauer Lieferwagen mit Bielefelder Kennzeichen auffiel. Er war die ganze Zeit schon hinter ihnen. Mal versteckte er sich auf der anderen Fahrbahn hinter einigen anderen Autos, mal schnupperte er direkt am Auspuff des Opel Corsa, der Susanne gehörte. Möglichst unauffällig, doch immer war dieser Lieferwagen in der Nähe. Thomas wurde langsam unheimlich zumute. Wurden sie langsam verfolgt? Waren SIE bereits hinter ihnen her? Er sah sich nochmal um. Im Lieferwagen saßen zwei Männer, die nichts verdächtiges an sich hatten. Einer trug eine Latzhose, der andere ein kariertes Hemd. Beide rauchten bei der Fahrt. Thomas beschloß, auf sie zu achten, und tatsächlich: Auf dem ganzen Weg durch die Wetterau bis zum Reiskirchener Dreieck waren und blieben sie hinter ihnen. Auch machten sie keine Anstalten in Richtung Gießen abzubiegen. Warum auch? Sie hatten wohl scheinbar das gleiche Ziel wie Susanne und Thomas. Es war anzunehmen, daß sie nach Hause wollten, und da war die A5 und später die A7 bis Kassel genau die richtige Strecke. So lange man davon ausging, daß es Bielefeld gab, war also alles in Ordnung. Aber davon ging Thomas eben nicht aus. Dieser Lieferwagen gehörte IHNEN – eindeutig. Vielleicht waren da sogar Abhöranlagen drin, und jedes Wort, das er jetzt mit Susanne wechselte, würden sie mitbekommen.
Susanne bemerkte plötzlich Thomas' Nervosität. "Was ist denn mit dir los?" fragte sie.
"Ich glaube, wir werden verfolgt", entgegnete Thomas.
"Jetzt leidest du schon unter Paranoia." Susanne schüttelte lächelnd den Kopf.
"Es ist mein Ernst. Siehst du den blauen Lieferwagen hinter uns?"
Susanne blickte in den Rückspiegel. Dann nickte sie.
"Der fährt schon die ganze Zeit hinter uns her."
"Der wird wohl noch ne ganze Weile hinter uns her fahren. Der ist nämlich aus Bielefeld. Schätze, er will wieder nach Hause."
Thomas sah Susanne mit einem Blick an, der etwas rätselhaft war und auch sein sollte. Wie nur konnte Thomas sie auf seine Seite ziehen? Sie würde unvorsichtig in ihr Verderben fahren, wenn er nicht aufpaßte.
"Hör zu", sagte Thomas. "Wenn wir nachher in Bielefeld sind, und dir kommt irgendetwas merkwürdig vor, dann halte sofort an oder drehe um oder sowas. Wem wir auch auch immer begegnen werden: Traue keinem."
"Ich weiß, das ist schwer, einen Menschen, der einem so nahe gestanden hat, zu verlieren", warf Susanne ein. "Aber deswegen gleich paranoid zu werden..."
"Das ist keine Paranoia. Das ist eine Verschwörung der Illuminati."
"Jaja, und der Freimaurer gleich dazu. Die Illuminati müssen wohl für jede Verschwörungstheorie herhalten. Vielleicht noch die Templer? Wie wär's mit den Rosenkreutzern? Die Bundesregierung? Der Verfassungsschutz?"
"Wenn du mir glauben würdest, wüßtest du es. Wann hast du das letzte Mal was von Dr. Oetker gegessen?"
Susanne zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. Warum?"
"Ach nichts. Ist nicht so wichtig. Vergiß es wieder."
Sie sprachen nicht weiter darüber und wandten sich wieder anderen Gesprächsthemen zu. Trotzdem achtete Thomas darauf, daß er den hellblauen Lieferwagen mit Bielefelder Kennzeichen im Auge behielt. Sie blieben auf der ganzen Fahrt durch den Vogelsberg hinter ihnen. Dann erreichten sie das Kirchheimer Dreieck, und Thomas lief ein Schauder über den Rücken, als er an die Geschichte über die Autobahn dachte, die hier angeblich verschwunden sein sollte. Dämonen hatten sie angeblich verschwinden lassen und bei den Menschen sämtliche Erinnerungen daran ausgelöscht. Eine abstruse Geschichte, aber war das mit Bielefeld nicht mindestens genauso abstrus? Verschwörungstheorien gab es ja eine ganze Menge.
"Bei der nächsten Raststätte werden wir mal anhalten", verkündete Susanne wenige Kilometer hinter dem Kirchheimer Dreieck.
Thomas wußte nicht, was er von dieser Idee halten sollte. Es wäre eine gute Methode festzustellen, ob die vermeintlichen Verfolger auch tatsächliche Verfolger waren. Andererseits: Was wäre, wenn sie tatsächlich Verfolger waren und hinter ihnen auch auf die Raststätte fahren würden, nur darauf wartend, daß sie ausstiegen, um sie dann festzunehmen oder ähnliches?
"Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist", sagte er daher.
"Wie du weißt nicht, ob das so eine gute Idee ist? Hältst du es für eine gute Idee, wenn ich in die Hose mache?"
Sie hatte gewonnen. Doch bedenklich fand Thomas die Sache schon. Dennoch: Er mußte sich fügen. Wenn SIE ihn kriegen wollten, würden SIE ihn auch kriegen. So viel war klar.
Als sie die Raststätte Hasselberg erreicht hatten, setzte Susanne den Blinker und fuhr von der Autobahn auf den Parkplatz der Raststätte. Thomas sah in den Rückspiegel, und tatsächlich: Auch der blaue Lieferwagen mit dem Bielefelder Kennzeichen hatte die Autobahn verlassen und war ihnen gefolgt.
"Scheiße, sie sind hinter uns her!" rief Thomas.
"Bist wohl doch paranoid oder was?"
"Na, dann guck mal in den Rückspiegel!"
Susanne blickte in den Rückspiegel, aber sie sah nichts. Der blaue Lieferwagen, der direkt hinter ihr fuhr, fiel ihr nicht auf. Sie steuerte den großen Parkplatz vor der Raststätte an und stellte sich auf einen freien Parkplatz. Der blaue Lieferwagen parkte direkt neben ihnen. Auffälliger ging es nun wirklich nicht mehr! Susanne schnallte sich ab und wollte schon aussteigen, doch Thomas hielt sie am Arm fast. "Warte!" sagte er.
Er schielte nach nebenan, wo Fahrer und Beifahrer die Türen öffneten und das Auto verließen. Dann schloß der Fahrer die Tür ab, und die beiden gingen auf den Raststättenbungalow zu.
"O.K.", sagte Thomas endlich. "Wir können aussteigen."
"Ich nehme dich nie wieder mit, wenn ich auf Geschäftsreise fahre!" maulte Susanne.
Sie verließen den Wagen, und Hand in Hand schritten sie auf das Gebäude zu. Thomas war etwas mulmig zumute bei dem Gedanken, dort drinnen vielleicht auf Fahrer und Beifahrer des Bielefelder Lieferwagens zu stoßen. Daß auch im Inneren des Lieferwagens Männer gesessen haben könnten, daran hatte er in seiner Aufregung nicht gedacht, und so sah er sich auch nicht um. Hätte er es getan, so hätte er gesehen, wie sich die hintere Tür des Lieferwagens öffnete und zwei Männer in schwarzen Anzügen ausstiegen. Sie beide sahen aus wie aus dem Ei gepellt: Der eine hatte eine Seitenscheitel-Frisur, der andere überhaupt keine Frisur. Sein kahler Schädel glänzte in der Sonne. Ein buschiger Schnurrbart zierte die Oberlippe wie auch die beiden Partien links und rechts des Mundes. Am linken Ohr trug er einen Ohrring. Jeder von beiden trug eine schwarze Aktentasche und hatte eine Sonnenbrille auf.
Die elektronischen Glastüren surrten und öffneten sich, und Susanne und Thomas betraten die Raststätte. Susanne bewegte sich schnurstracks auf die Toilette zu. "Ich muß jetzt erst mal", erklärte sie.
"O.K., Liebling. Ich warte auf dich."
Sie gab ihm einen kurzen Kuß auf die Lippen und verschwand daraufhin in der Damentoilette. Thomas blieb vor der Tür stehen, und obwohl er Nichtraucher war, betrachtete er den Zigarettenautomaten – weniger aus Interesse als deswegen, weil er das einzige interessante Objekt weit und breit war. Er sah sich die Marken an: Marloboro, Philipp Morris, Camel, Peter Stuyvesant, Gauloises...
"Entschuldigen Sie, bitte!"
Thomas drehte sich um und sah auf. Dort standen zwei Herren, die er nie zuvor gesehen hatte. Es waren jene zwei Herren, die nach ihm aus dem Lieferwagen herausgekommen waren, und der Mann mit der Glatze sagte: "Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen!"
"Einen Moment bitte! Ich muß noch auf meine Freundin warten."
"Sofort!" sagte der Mann mit dem Mittelscheitel und zückte einen Revolver, den er auf Thomas richtete. Kein anderer Mensch war in der Nähe. Und Thomas wußte: Sie meinten es ernst. Sie würden notfalls auch schießen, wenn es sein mußte. Also fügte er sich ihnen und folgte ihnen.
"Wo gehen wir hin?" fragte er. "Und was ist mit meiner Freundin, wenn die wieder aus der Toilette rauskommt, und ich bin nicht da?"
"Das lassen Sie mal unsere Sorge sein", sagte der Mann mit der Glatze.
"Werden Sie mich töten?"
"Wenn Sie alles tun, was wir Ihnen sagen, werden Sie wieder gehen können. Wenn nicht, ist es nicht auszuschließen, daß wir Sie töten werden."
Thomas lief eine Gänsehaut über den Rücken. SIE hatten ihn erwischt, und jetzt würden SIE versuchen, ihn eines besseren zu belehren. SIE würden versuchen, ihm einzubleuen, daß es Bielefeld doch gab und daß er gefälligst nach Bielefeld zu fahren hatte. Angst stieg in ihm auf. Große Angst. Was würde ihn erwarten? Würde er verhört werden? Einer Gehirnwäsche ausgesetzt? Noch geschah nichts. Sie gingen einfach nur durch das Restaurant der Raststätte, dann durch einen Flur, eine Kellertreppe hinunter und blieben schließlich vor einer Stahltür stehen, auf der stand: Zutritt für Unbefugte verboten! Lebensgefahr!
Der Mann mit der Glatze öffnete die Stahltür mit einem Schlüssel, und sie kamen in einen weiteren Raum, der allerdings nur so klein war, daß die drei Männer gerade mal darin Platz fanden. Am anderen Ende des Raumes war eine Tür. Vor dieser Tür jedoch war so etwas wie Scheckkartenlesegerät. Der Mann mit der Glatze nahm eine Scheckkarte aus seinem Geldbeutel, zog sie durch das Lesegerät und sagte dabei: "Sicherheitscode Alpha 35 B 93 87 U."
Eine weibliche Computerstimme ertönte: "Alpha 35 B 93 87 U bestätigt – willkommen, Herr Lindemann."
Die Tür öffnete sich und gab dabei ein leises elektronisches Summen von sich, das Thomas ein wenig an Raumschiff Enterprise erinnerte. Herr Lindemann ging als erster in den Raum. Hinter ihm folgte Thomas, und das Schlußlicht bildete der Herr mit dem Mittelscheitel. Hinter der Tür war es viel dunkler als draußen. Sie betraten einen Raum, dessen Wände links und rechts mit Monitoren verziert waren. Vor den Monitoren befanden sich riesige Schalttafeln, und an den Schalttafeln saßen Mitarbeiter, die allesamt Kopfhörer aufhatten, die Schalttafeln bedienten und wie gebannt auf die Monitore blickten. Thomas bemerkte, daß die Monitore Bilder von der Raststätte aus allen Perspektiven zeigten. Eine Kamera war zum Beispiel direkt hinter den Spiegeln in den Toiletten angebracht. In einer der Kameras war gerade seine Freundin Susanne zu sehen, wie sie sich die Frisur richtete. Andere Monitore zeigten den Speisesaal, wieder andere die Küche und wieder andere den Parkplatz. Es gab keinen Winkel der Raststätte, der nicht von hier aus überblickt werden konnte. Irgendwie erinnerte das alles Thomas ein wenig an den Film Sliver.
Sie gingen weiter, und bald bemerkte Thomas, daß nicht nur die Raststätte von hier aus überwacht wurde, sondern auch die Autos. In jedem Auto war eine Kamera angebracht, die das Innere des Autos filmte. Wahrscheinlich wurden diese Kameras serienmäßig in jedes Auto eingebaut, aber niemand wußte davon, weil SIE die Autoindustrie kontrollierten. Einige Autos waren unterwegs, und Thomas konnte Fahrer, Beifahrer und manchmal sogar noch Personen auf dem Rücksitz sehen. Er hielt kurz an, als er einen Monitor sah, dessen Bild ihm nur allzu bekannt vorkam: Es zeigte das Innere von Susannes Auto. Es war ohne Frage Susannes Auto. Alles stimmte: Die winzige Maus, die vom Rückspiegel herunterhing, ebenso die Tanne, die im Auto Tannenduft verbreiten sollte, der Diddl, der an der linken Scheibe des Autos klebte, der Aufkleber an der Heckscheibe – es konnte eigentlich nur Susannes Auto sein. Alles stimmte bis ins kleinste Detail.
Thomas kam immer mehr auf den Gedanken, dies könnte eine IHRER Schaltzentralen sein, von der aus sie überprüften, daß alles für SIE zur Zufriedenheit verlief und die Leute weiterhin fleißig an Bielefeld glaubten und sich auch sonst als das Rädchen in der Maschine verhielten, und wer es nicht tat, dem gnade Gott!