Hier noch aktuell ein Artikel aus der Financial Times:
Der Trainer mit dem Zündschlüssel
von Felix Meininghaus
Als Trainer von Arminia Bielefeld ist Ernst Middendorp meist als bärbeißiger Zeitgenosse mit schroffer Attitüde aufgefallen. Dass der 48-jährige Studienrat der Wirtschaftswissenschaften auch die Fähigkeit zur Selbstironie besitzt, ist nach dem Heimsieg gegen Werder Bremen klar geworden.
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Da hatte sich Middendorp einen Sticker des Bielefelder Sponsors ans Revers geheftet. Unter dem Namen eines Bierbrauers prangte der Zusatz "alkoholfrei". Eine Anspielung auf die Vorkommnisse in der Woche zuvor, als Middendorp mit 1,82 Promille im Zustand "absoluter Fahruntüchtigkeit" am Steuer seines Autos angetroffen worden war.
Die Bielefelder Entscheidungsträger haben trotz dieser Eskapade nie darüber nachgedacht, den Trainer in die Wüste zu schicken. Als Middendorp Mitte März aus Südafrika zur Arminia kam, um seine dritte Amtszeit anzutreten, traf er müde Profis an, die nicht mehr an sich glaubten. Middendorps glücklosem Vorgänger Frank Geideck war es als Nachfolger von Thomas von Heesen nicht gelungen, den Abwärtstrend zu stoppen.
Mit dem sonntäglichen Sieg in Leverkusen haben die Bielefelder den Klassenerhalt gesichert. "Sechs Punkte Vorsprung und die um 17 Tore bessere Tordifferenz", rechnete Geschäftsführer Roland Kentsch vor, "da passiert nichts mehr." Vor zwei Monaten wäre eine solche Prognose als pure Utopie entlarvt worden. "Wir waren wie ein Auto, das ins Stottern kam und ohne Grund stehen blieb", sagt Torhüter Mathias Hain. Und um im Bild zu bleiben, fügte er hinzu: "Der Trainer hat den Zündschlüssel gehabt."
Die Methoden des oftmals raubeinigen Middendorp sind nichts für zarte Gemüter. So stellte er sogar den zuvor unumstrittenen Hain infrage. Viel zu leise agiere der Keeper, kritisierte Middendorp und drohte mit der Bank. Auch andere Leistungsträger bekamen ihr Fett weg. Für das Bielefelder Seelenleben erwiesen sich die Attacken als notwendige Radikalkur: "Ich habe mit Provokationen gearbeitet und aggressiv Strukturen und Hierarchien aufgebrochen", sagt Middendorp über seine Vorgehensweise.
Kentsch stuft die Verpflichtung von Middendorp als entscheidend ein: "Es war ein schwieriger Schritt, in einer solchen Phase nochmal den Trainer zu wechseln, aber wir haben alles richtig gemacht." Auch der Rückkehrer darf sich bestätigt fühlen: "Ich habe immer gesagt, diese Mannschaft hat Potenzial." Die Fans schätzen ihn nach drei Siegen in Folge mehr denn je - sie hatten ihn schon vor Jahren zu ihrem Jahrhunderttrainer gekürt.